Geschichte

02 — Geschichte

Achthundert Jahre sind nur der schriftliche Teil

Die erste Urkunde stammt aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Gegraben wurde hier vermutlich schon lange vorher. Aufgeschrieben wurde es erst, als es um Besitz und Abgaben ging.

Neun Kapitel

um 1140 bis heute
um 1140 · Die Urkunden

Ein Berg wird verschenkt

Graf Arnold von Greifenstein und seine Frau Adelheid übertragen den „mons argenti“ — den Silberberg von Villanders — dem neugegründeten Stift Neustift bei Brixen. Das ist die erste sichere Nachricht darüber, dass hier ein Bergwerk bestand.

Klöster griffen damals nach Produktionsstätten, wie es der Zeit entsprach. Neustift selbst war 1142 gegründet worden, vom seligen Hartmann und vom Säbener Burggrafen Reginbert. Das Villanderer Silber war für das junge Stift eine ansehnliche Bereicherung.

1177 bestätigte Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Schenkung in Venedig — erst dadurch bekam sie Rechtskraft. Zwölf Jahre später belehnte er Bischof Heinrich III. von Brixen mit den Silbergruben; die Hälfte des Ertrags musste an den Kaiser gehen.

Am 21. Dezember 1217 verlieh König Friedrich II. auf dem Reichstag zu Nürnberg dem Brixner Bischof Bertold I. von Neifen alle Silber-, Metall- und Salzgruben seines Gebiets — das volle Recht über den Bergbau. Am 7. Dezember 1452 stattete Friedrich III. das Hochstift mit weiteren Bergbaufreiheiten aus. Bischof war damals Kardinal Nikolaus Cusanus.

seit 1027 · Eine vierfache Grenze

Warum im Tinnetal eine Burg steht

Der Tinnebach trennte seit 1027 die Diözesen Brixen und Trient, die Grafschaften Bozen und Norital, später die Gerichte Villanders und Latzfons-Verdings — und das Hochstift Brixen von der Grafschaft Tirol.

Der Haken: Ein Stück der südlichen Bachseite gehörte zu Brixen, und genau dort lagen die Erzlagerstätten. Brixen und Tirol grenzten mitten im Bergbaugebiet aneinander. Jeder neue Erzfund machte die Grenzfrage wieder akut, es kam zu Neuvermessungen und neuen Marksteinen.

Das erklärt, warum in dieser abgelegenen Gegend überhaupt eine Festung gebaut wurde: Schloss Garnstein, auf einem Felsvorsprung dort, wo der Plankenbach in den Tinnebach mündet. Um 1300 hieß das Bergwerk selbst nach dieser Burg — Bergwerk Garnstein, oder Gerstein. Klausen bekam ein eigenes Berggericht.

1330 · Der Name

Woher der Pfunderer Berg kommt

In einer Urkunde von 1330 heißt es, Heinrich habe erlaubt „ze paun und ze arbeiten den ganch des silberaereztes üf dem perg ze Vilanders, da unten an stözzt der hof ze Pfunt“.

Der Phunt-Hof liegt an der Ostseite des Bergs auf 1315 Metern und wird 1332 erstmals urkundlich genannt. Auch der Berg trug früher diesen Namen. Daraus wurde der Pfunderer Berg.

15. und 16. Jahrhundert · Die Blütezeit

Wenn ein Kardinal und ein Herzog um Erz streiten

Besonders heiß umkämpft waren die Gruben unter Kardinal Nikolaus Cusanus, Bischof von Brixen von 1450 bis 1464. Er stand im Dauerstreit mit Herzog Sigismund dem Münzreichen, auch in der Bergwerksfrage. Es kam zu gewaltsamen Übernahmen von Gruben, weil beide auf alte Abmachungen pochten.

Erst mit Cusanus’ Tod 1464 kehrte Ruhe ein. Seine Nachfolger fügten sich: Das Bergwerk wird an Gewerken verliehen, die Einnahmen halbe-halbe geteilt.

Der Landesfürst nahm zweierlei: die Fron — jeder zehnte Kübel des abgebauten Erzes — und den Wechsel, eine Abgabe vom geschmolzenen Silber. Für die stets klammen Landesfürsten war das lebenswichtig.

Die Gewerken waren Hans und Georg Stöckl aus Schwaz, die bei Klausen ein Hüttenwerk mit zwei Öfen besaßen, und Hans Paumgartner aus Augsburg. 1513 erinnerten sie den Landesfürsten daran, dass sie das „kleine und unordentliche Bergwerk“ am Pfunderer Berg in die Höhe zu bringen suchten — inzwischen seien „etlich hundert Mann“ beschäftigt.

1522 · Die Fugger

Augsburg kauft sich ein

Am 1. Januar 1522 kaufte Jakob Fugger dem Hans Stöckl dessen Hälfte am Klausner und Rattenberger Berg- und Schmelzhandel ab, für 3.000 Gulden. Jakob und nach ihm sein Neffe Anton ließen zusammen mit Paumgartner diese Gruben bearbeiten: Landskron, St. Elisabeth, Unser Frauen Himmelfahrt, Heilig Kreuz, St. Georg im Rosstal, St. Daniel, St. Stephan und St. Christoph zu Garnstein.

1527 kaufte Anton Fugger zusätzlich Anteile an St. Elisabeth und St. Anna. Zur Lagerung hatten die Fugger am südlichen Ende von Klausen, „auf der Frag“, einen Erzkasten.

Der Schwerpunkt der Fugger blieb trotzdem immer Schwaz; Klausen war zweitrangig. Geblieben ist ein Name: Der Stollen, durch den heute die Führung geht, heißt seit der Fuggerzeit St. Elisabeth.

Vor dem Schwarzpulver · Die Arbeit

Vier Zentimeter am Tag

Sprengungen kamen spät. Bis dahin wurde praktisch jeder Stollen mit Hammer und Meißel geschlagen — ein Knappe schaffte rund vier Zentimeter am Tag.

Die Gegner waren Wasser, Belüftung und Dunkelheit. Fachliteratur gab es so gut wie keine, also tüftelten die Knappen ihre Abwasser- und Belüftungssysteme selbst aus.

Vor fast jedem Stollen stand ein Schwefelofen, in dem die Erze vorgeschmolzen wurden; das Ergebnis hieß Röster. So ein Ofen fasste an die 2.000 Kübel Roherz und brannte 17 bis 18 Wochen, je nach Wetter. Der Röster ging über den Erzweg nach Klausen zum großen Erzkasten auf der Frag, von dort in Säcken auf Karren — Grateln — zur Schmelzhütte Sulferbruck am Eingang des Villnösstals. Dort standen sechs Öfen: Hochofen, Krummofen, Probierofen, Zinkofen, Rostflammofen, Kalkofen.

Jahresertrag: rund 16 Tonnen Kupfererz und 100 Kilogramm Silber. Der Erzweg, den heute Wanderer gehen, war die Werksstraße.

1631 bis 1691 · Matthias Jenner

Das Kloster auf Säben wurde mit diesem Silber bezahlt

Die Familie Jenner stammte aus Savoyen und war seit dem 16. Jahrhundert in Klausen ansässig. Matthias Jenner kam 1631 zur Welt, als Sohn des Bürgermeisters und Bärenwirts Christoph Jenner. Er studierte Theologie in Innsbruck, Graz und Wien und promovierte 1662 in Perugia.

Von 1659 bis 1677 war er Pfarrer und Dekan in Fügen. Dort kam er zum ersten Mal mit Bergbau in Berührung. Er ließ in den Hohen Tauern nach Gold und am Bergwerk Villanders nach Silber schürfen — und verhalf dem Bergwerk zu einer zweiten, kleineren Blütezeit.

1677 wurde er Spitalverwalter und Dekan in Klausen, 1679 Domherr in Brixen. Ab 1681 setzte er seinen Plan um, auf Säben ein Kloster zu gründen. Das nötige Kapital stammte hauptsächlich aus den Erträgen des Bergwerks. Er holte Benediktinerinnen vom Nonnberg bei Salzburg — zwei seiner Cousinen waren dort eingetreten. Im November 1686 wurde die Gründungsurkunde ausgestellt.

1688 ließ Jenner außerdem die neue Schmelzhütte bei Sulferbruck bauen und den Ansitz Seebegg in Klausen, das Bergamt. Er starb 1691 und liegt vor dem Hochaltar der Säbener Abteikirche. Überliefert sind seine letzten Worte: „Seeben, Seeben.“ Sein Bruder Michael führte die Geschäfte weiter und wurde 1696 in den Adelsstand erhoben.

1736 · St. Anna

Das Knappenkirchlein

1722 weihte Fürstbischof Kaspar Ignaz von Künigl für die Knappen am Pfunderer Berg einen Tragaltar — einen Altar, auf dem auch im Freien Messe gelesen werden konnte. 1724 benedizierte der Villanderer Pfarrer eine erste kleine Kapelle, die die Bergknappen selbst errichtet hatten, zu Ehren der heiligen Barbara.

1736 wurde dieser erste Bau auf die heutigen Ausmaße vergrößert, mit Glockenturm. Die Weihe erfolgte am 9. August 1749, auf die heilige Anna und die heilige Barbara. Über dem Eingang steht in Stein gehauen das Bergwerkssymbol: zwei gekreuzte Hämmer.

Wer täglich unter Tage fährt, weiß, dass die Rückkehr keine Selbstverständlichkeit ist. Die Barbarabruderschaft wurde 1772 errichtet; ihre Mitglieder beteten täglich um eine gute Sterbestunde. Bis heute erinnert die Barbarafeier im Dezember daran.

1785 bis 1945 · Der Niedergang

Holz, Hochwasser, Schluss

Im ausgehenden 16. Jahrhundert geriet der Silberbergbau in ganz Tirol in die Krise. Dazu kam Streit zwischen Paumgartner, Stöckl und Fugger. Den Todesstoß gab eine kaiserliche Verordnung: Es durfte fast kein Holz mehr gefällt werden. Die Wälder ringsum waren nahezu abgeholzt — ein Bergwerk brauchte Unmengen Holz, für Holzkohle in Schmieden und Schmelzöfen und als Stützmaterial in den Stollen.

Ende des 18. Jahrhunderts ging das Bergwerk in Konkurs und in Staatsbesitz über; 1785 wurde es zur Staatsdomäne erklärt. Die Jahresausbeute lag da bei etwa 5 Tonnen Kupfer, 25 Tonnen Blei und 130 Kilogramm Silber. Zwischen 1835 und 1838 entstand im Tinnetal ein Pochwerk — daher der Flurname Pucher —, 1846 ein Quetschwerk, 1845 eine neue Erzstraße nach Klausen. 1849 arbeiteten 130 Mann in fünf Stollen.

Dann riss ein Unwetter die Tinnetalstraße weg. Es dauerte fünfzehn Jahre, bis Österreich sie wieder herrichtete. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg ließ Österreich das Bergwerk endgültig auf.

Nach dem Krieg kam es in italienischen Besitz, ein neuer Stollen wurde angeschlagen: der Viktor-Emanuel-Stollen. Im August 1921 suchte eines der größten Unwetter der Gegend Klausen heim und zerstörte Straße und Pochwerk. Der italienische Staat stellte den Betrieb ein. Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten noch einmal neun italienische und ein deutscher Knappe im Franz- und im Viktor-Emanuel-Stollen. Es waren die letzten.

Heute · Das Schaubergwerk

Was bleibt, wenn das Erz ausgeht

Der Kultur- und Museumsverein Villanders hat aus dem stillgelegten Revier ein Schaubergwerk gemacht. Zwei der sechzehn Stollen sind begehbar: Elisabeth auf 1300 und Lorenz auf 1368 Metern.

Rund 331 Führungen im Jahr, getragen von Ehrenamtlichen, die dafür zusammen etwa 3.840 Stunden aufbringen. 2024 kamen 6.693 Besucher.

Glasfenster mit Bergbaumotiven im Knappenkirchlein St. Anna
Glasfenster im Knappenkirchlein St. Anna
Museumsfigur eines Knappen mit Erzkiste
Im Museum — der Knappe und seine Erzkiste

Der Verein dahinter

Seit 1997

Das Bergwerk gehört keiner Firma. Es wird vom Kultur- und Museumsverein Villanders getragen — ehrenamtlich, seit 1997.

Gegründet1. August 1997Rotlahn-Pfundererberg-Seeberg
Mitglieder36Beitrag 20 € im Jahr
Führungenrund 331pro Saison
Ehrenamtrund 3.840 him Jahr

Der Verein betreibt neben dem Schaubergwerk auch den Kulturtreff Rotlahn und ein Jahresprogramm vom Kabarettabend bis zum Lorenzifest. Mitglied werden kann jeder. Mehr zum Verein →

Hinweis für den Verein
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